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Fun
Zapping. Ein Selbstversuch.
veroeffentlicht von Moritz Jacobi am 3. August 2010
Quelle
Geistig gesunde Vertreter des Homo sapiens sapiens sollten die Benutzung von Fernsehgeraeten in Verbindung mit Fernsehprogrammen nach Moeglichkeit meiden. Als reines Wiedergabemedium an DVD-Abenden oder auf PlayStation-Weltmeisterschaften geht das Geraet voll in Ordnung. Aber dann ist es eben auch kein Fern-Seher. Zu einem solchen mutiert das LSD LPG LCD, Plasma-, oder € schon bald archaeologisch und fuer Erich von Daeniken als Beleg fuer Ausserirdische wertvolle € Elektronenstrahlroehrengeraet erst in Verbindung mit einer Sendung. Unscheibar TV-Programm genannt, sind diese Telelobotomien erst der eigentliche Grund, weshalb man zu der Annahme ploetzlicher Televisionen neigt.
Das Fernsehen galt mit Vernunft geschlagenen Menschen schon in seinen Anfaengen als potentiell gefaehrlich. Nicht auszudenken, wenn einem Goebbels das heutige Sendeangebot des Farbfernsehens zur demagogischen Verfuegung gestanden haette! Von der dem Fernsehkonsum immanenten Entmuendigung abgesehen, die durch die Erfindung einer Fernbedienung lediglich auf die bewegungsarme Wahl zwischen verschiedenen Formen geistiger Absenz verlagert wurde, geizen die Macher von Fernsehunterhaltung chronisch mit diesem nostalgischen Dings, diesem…na…wie nannten die Intellektionellen das immer…ach genau, mit Sinn! Da man in den 1950er Jahren noch lange auf die DVD warten musste, vertrieben sich schon damals etliche Philosophen die Zeit damit, Polemiken gegen das Fernsehen zu schreiben. Schien aber nichts bewirkt zu haben. Dass Wissenschaft, wenn sie nicht gerade PlayStations erfindet, eher was fuer Leute ist, die sich nicht damit abfinden koennen, irgendwann nicht mehr im Sandkasten spielen zu duerfen, und sich daher einem gehobeneren Niveau von Luftschloessern fragwuerdigen Allgemeinnutzens zuwenden, grenzt an Wahrscheinlichkeit angesichts der Tatsache, dass Jahrhunderte der Aufklaerung, Technikwunder und eben dieser Philosophen das Fernsehen gnadenlos geschont haben.
Setzt sich der masochistisch geneigte Mensch einen Abend lang vor ein solches Geraet und froent der deutschen Fassung dieses Dementenkaleidoskops audiovisueller Effekthascherei, so richten sich seine Gedanken womoeglich mit Recht allmaehlich auf die Erlangung eines amtlichen Rausches oder wahlweise den Hirntod. Freitag Abend ist ein guter Abend fuer derartige Selbstversuche. Aber eigentlich funktioniert jeder andere Wochentag genauso gut. Boeses ahnend, schaltet man also den Fernseher an und…
Auf n-tv (das n steht angeblich fuer Nachrichten, und richten sollte man die Verantwortlichen in der Tat) widmet sich eine Sendung experimentell der Frage, mit welchen Methoden man am Besten Autoreifen zum Platzen braechte. Burn-out bringe bei Regenwetter wenig, auch Naegel auf der Fahrbahn seien ungeeignet, zertruemmerte Glasflaschen hingegen das non plus ultra des Reifenschlitzertums. Zapp. In einem Spielfilm droht ein Juengling dem Uma Thurmanschen Vogelgesicht an: €Ich moechte Dir ein Baby schenken!€, worauf hin sie diesen saemigen Akt der Grossherzigkeit mit einem €Oh, das ist das schoenste Geschenk, das ich je bekommen habe!€ adelt. Den Daumen des Chronisten zieht es zum Ausschalter. Er leitet ihn gerade noch um und € Zapp.
Eine dieser als Castings verstandenen Demuetigungsshows, deren Vielzahl es mittlerweile verunmoeglicht, ihnen im TV Programm gaenzlich zu entrinnen, laeuft. Die tollsten Momente werden mit clownigen Geraeuschen unterlegt und zusammengeschnitten vorgefuehrt. Die eigentliche Show sickert als selbstparodierender Wiederaufguss durch die Bildflaeche. Zapp. Aus Versehen Maischberger erwischt. Zapp. Eine Volksmusiksendung. Abwechselnd pubertaere Brut in Trachten im Anfaengermodus und gestandene Musiker € pardon € Musikanten, bei denen das Mundoeffnen und -schliessen zum Playback, mit einem dazu in den Haenden gehaltenen Musikinstrument, schon besser klappt. Bei Anblick der Studiokulisse schwappt dem Unkundigen trotz ausgeschaltetem Ton ein bischen Magensaeure hoch. Der kleine Toni steht singend vor einem Pappmascheebrunnen und schlenkert mit seinem seltsam fehlgebildeten Arm, von dessen Schulter auch immer wieder der Traeger seiner Lederhosen den Weg nach unten findet. Unbehelligt durch das Jugendamt oder UNICEF muss der Knirps den Freunden der €Musi€™ seine aesthetische Unschuld zu Grabe tragen. Er sieht auch nicht sehr froehlich dabei aus. Zuhause wartet wahrscheinlich schon der Papa mit dem neusten Hit. Zapp.
Ein Experte erklaert den Zuschauern, wie sie ihre PC Tastatur reinigen koennen. Die Schale koenne man abnehmen und ruhig mal in die Spuelmaschine geben. €Aber dann darf man wahrscheinlich nicht mit Schleudergang waschen€, bestaetigt die Moderatorin ihre Befaehigung zur Schaufensterpuppe, die den Unterschied zwischen Spuel- und Waschmaschine wohl erst bemerkt, wenn man sie persoenlich hineinsteckt. Das geistige Auge beginnt dem Zuschauer zu traenen. Zapp. Im ZDF Nachtstudio zum Thema Darwinismus fragt der Moderator vor einem Bildschirm mit Lagerfeuervideo Geistloses: €Ja, wenn wir jetzt mal diese Idee vom survival of the fittest auf den Palaestinakonflikt uebertragen, koennte man dann davon ausgehen, dass Israel als technologisch hoeher entwickelter Staat auf lange Sicht den Sieg davon traegt?€ Die anwesenden Biologen helfen ihm anschliessend bei der Schadensbegrenzung. Um die Uhrzeit sieht das eh kaum jemand. Zapp.
Eine Literatursendung, die Richard David Precht vorstellt. Endlich ein photogener Heiland der Populaerwissenschaft. Schade, wie sie ihn verwursten. Zapp. Werbung. Zapp. Wolfgang Schaeuble stellt in €Unter den Linden€™ seinen Masterplan zur Vermeidung von Gewalt und Amoklaeufen dar € die Jugendlichen sollten mehr lesen und mehr Sport treiben. Renate Kuenast wirft noch das ganze Gewicht gruener think tanks hinterher und erklaert, man muesse einfach mehr ueber Medien diskutieren. Zapp. Eine Sendung ueber gemischt Hochkulturelles stellt Richard David Precht vor. Zapp. Werbung. Der Chronist agiert inzwischen nur noch auf vegetativer Ebene. Einzig bruchstueckhaftes Ausschweifen zu Tier- und Geschichtsdokumentationen verhindert ein Aussetzen des Herzmuskels. Zapp. In einer Call-in-Gameshow schreit ein hysterisches Weib seit zwei Stunden, dass nur noch eine Minute Zeit sei bis Sendeschluss und dass irgendein heisser Knopf vorhabe, demnaechst zuzuschlagen. Zapp. Wichtige Leute in Anzug und Krawatte debattieren ernst und fachlich ueber Finanzen, Politik und Risikostrategien in…nein halt, sie reden nur ueber Fussball. Das wurde nach zirka fuenfzehn Minuten immer deutlicher. Sepp!
Werbung. Nur der nun leicht nach hinten geneigte Kopf des Probanden verhindert, dass ihm die Augaepfel aus den Hoehlen rollen nachdem sie aus Protest androhen, ihren Dienst zu quittieren. Zapp. Ausnahmsweise laeuft eine Wiederholung von Beckmann. Zu Gast sind zwei blaubluetige Hobbywirtschaftsminister, die gemeinsam Sprechblasen mit Krisenrethorik aussondern, und Richard David Precht. Zapp. Eine Diskussionsrunde mit dem Thema Hartmut Mehdorn. Dass er zurueckgetreten sei. Und warum. Und ob da jetzt einer nachrueckt. Und wer? Mann koennte denken, der Papst haette sein Pileolus an den Nagel gehangen. Leeres Rauschen aus Informationsblabla. Das Fazit lautet nach 45 Minuten: €Schaun mer mal€. Zapp. Das philosophische Duett aus Sloterdijk und Safranski empfaengt zum Thema 200 Jahre Evolutionstheorie einen Biologen und Richard David Precht. Nach dem das Fernsehgeraet lautstark mit der zugehoerigen Fernbedienung ausgeworfen wurde, bleibt respektvoll zu konstatieren, dass es erstaunlich ist, was Menschen, die viel fernsehen, eigentlich auszuhalten im Stande sind. Gegen die verschwindend geringe Anzahl sehenswerter Sendungen, die aber auch nur Nachts in irgendwelchen Spartenkanaelen laufen, steht ein ueberangebot aus Berieselung und Verbloedung. In eine Kerze starren hat paedagogisch in etwa denselben Wert. Peter Weibel hat mal gesagt, eigentlich muesse der Konsument Geld vom Kapitalisten dafuer kriegen, dass er Teile seiner Lebenszeit dem Konsum des Produkts widme. Bis das beim Fernsehen so gehandhabt wird, bleibt der Wegsehabend dem Abend vor der Glotze fraglos vorzuziehen.
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